Sonntag, 29. Januar 2006

USA als Gastland auf der Buchmesse

Den Meisten wird es wohl nicht entgangen sein, dass Kanzlerin Merkel vorgeschlagen hat, demnächst die USA zum Gastland einer der kommenden Frankfurter Buchmessen zu machen.
Nun wurde dieser Vorschlag auch vom Börsenverein begrüßt und Buchmessedirektor Juergen Boos äußerte sich wie folgt:" Der Gastlandauftritt der Vereinigten Staaten würde die bedeutende Rolle der amerikanischen Verlage im internationalen Buchgeschäft unterstreichen."

Da frage ich mich doch wozu es überhaupt nötig ist diese bedeutende Rolle zu unterstreichen. Wäre es nicht wichtiger weniger bekannte Buchmärkte in das Licht der Öffentlichkeit zu bringen?

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Tina Vlenn - 15. Feb, 00:18

Ein Stück Wissenschaftsprosa über Stückchen

01 Uncle Sam : The Soul of a Man

Jenseits der despotischen Low-Budget-Produktionen von Autoren wie Pynchon, Auster und DeLillo und der vollkommen verkannten, weil total subversiven Experimentalschinken-Schrägstrich-Echtzeitschnipsel von Schriftstellern wie Brown, Crichton und Grisham müsste die German Book Fair in Mainhattan (Vgl. Füssel, 1999:162) „bei aller berechtigten Skepsis gegenüber solchen Zusammenstellungen“ (Vgl. Fischer, 2005:Encarta) die Scheinwerfer natürlich auf die andere USA werfen, auf die im Literaturbetrieb Usual Unsuspects.
Denn die so eben Genannten, das ist doch wirklich nur die Spitze des Eisberges, was die Literaturproduktion dort drüben, hinter dem Atlantik, betrifft. Just the Top of the Props.
Wie wäre es mal, wenn Uncle Tom stattdessen aufservieren würde: wenn die Leute mal mit Donald Goines oder Iceberg Slim konfrontiert würden, die nichts Geringeres gemacht haben als wesentliche Facetten des heute Gang-und-Gäbe-Kulturphänomens HipHop – feat. B-Boys, Graffiti, Streetwear et al. (Nelson, 2002) – literarisch zu antizipieren, teils gar als Initiatoren des etwas kugelhaltrigeren afroamerikanischen Urbanismus bezeichnet werden müssen. Denn nicht grundlos hat sich der einflussreiche Gangsta-Rapper Tracy Morrow in Anlehnung an Beck den Künstlernamen Ice T verpasst, und nach ihm folgerichtig auch der prominente Ice Cube, einst Mitglied der bösen West-Side-Crew NWA. Wollten halt auch eiskalte Jungs sein.
Einen interessanten Einblick und ebenfalls fassbare, weil im Mainzer AVL-Institut im Magisterschrank verstaubende, Zusammenfassung solchener Literaturbereiche härterer und melodischer Gangart liefert übrigens die Magisterarbeit von Sascha Seiler, welche mit dem Titel versehen, in den Kapiteln und , plus Konnexe und Derivate in den anderen Kapiteln, vor allem die historische Linie dieser ebenfalls US-amerikanisch zu nennenden Literatur rekapituliert.

02 Jimis Star Spangled Banner

Auch die Literatur Hawaii’s wäre zu nennen, der Claudia Rapp in ihrer Magisterarbeit „A Paradise Lost: Placing Hawaii on the Literary Map“, 2000, wieder einen Platz auf der Literaturlandkarte einzuräumen weiß, darin auch viele Verweise auf momentan schreibende Inselbewohner und Exilanten. Daneben wäre aber auch zu nennen, nein, nicht nur zu nennen, sondern geradezu darauf hinzuweisen, dass auch die nach Columbus so getauften Indianer, die Native Americans.
Ja, eine solche postkoloniale Palette wäre wünschenswert, zumal die Öffentlichkeit mal andere Gesichter zu sehen bekommen würde und endlich anerkennen müsste, dass ihr Bildungskanon sehr beschränkt und eurozentristisch (Vgl. Lamping/Zipfel, 2005) ist. Natürlich würde das eine Identitätsdestabilisierung bedeuten, Skepsis an der eigenen Führungsrolle hervorrufen und durch die Einsicht, dass der Büchermarkt den Leser wie eine Marionette führt, sofort eine Buchmarktkrise herbeieilen lassen, weil sich alle entmündigt und verarscht fühlen, was m. E. aber vollkommen okeh ist. Sieht man schon daran, dass im kommenden Sommersemester 2006 ein komparatistisches Proseminar zum Thema „Die literarische Überwindung des “ angekündigt ist und, na, wer wird es erraten, richtig, lediglich die alten Diskurshoheiten, Rufname: ISD (Mair/Becker, 2005:7) durchdekliniert werden, d.h., schon wieder Namen wie Defoe, Diderot, Kafka, Raabe und Reemtsmas Liebling Arno, was zwar vollkommen zufrieden stellt, aber auch nicht mehr. Okeh, okeh, ist schließlich auch nur ein ProS, also trotz aller Polemik unbedingt besuchen, wenn du studientechnisch dürfen solltest.
Aber das Fremde ist halt hybrid, nee, wollte sagen, ist ein Parameter in der Konsumtheorie, nee, -praxis. Das Fremde kann entweder einschlagen wie eine Bombe, dass es auf einmal jeder haben will, davon wissen will, davon gehört haben will, oder das andere Extrem der Kurve darstellen, nämlich der Ladenhüter per excellence werden. Prognosen sind vertane Zeit, denn zu viele Faktoren hängen daran. Aber in diesem Fall dürfte gar ein bisschen Presse genügen, denn selbsternannte Brutstätten der Zivilisation, und das ist eine alte Weisheit aus dem Kolonialwarenladen, sind stets die ersten, die jedem Exotismus hinterherlaufen und mit dabei gewesen sein. Das nur so als marktstrategischer Sidekick für die Buchmessdiener.
Doch da sind wir schon beim vermeintlichen Kernproblem angelangt, sollte wirklich die USA das Rennen machen. Nie und nimmer wird man dort und auch hier für solche Unruhe sorgen wollen, denn was gut läuft, um auch in diesem Text eine Tautologie zu verwenden, läuft gut. Derjenige, der dennoch mit den etablierten Wölfen tanzen will, der müsste sich schon auf einiges gefasst machen. Es müsste halt ein R.-D./R.-R.-Typ sein.

03 Mueller = Müller

But what tha fuck is a RD/RR, man? Diese Kürzel stehen für das Herausgeber-und-Dichter-Duo der ersten, deutschen Pop-Literatur, Langform: Ralf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, die, „obwohl in an keiner Stelle von der Beziehung der USA zu einer westeuropäischen Nation die Rede ist und obwohl die Beziehung der europäisch-westlichen Machtposition versus der zwar nirgendwo als Bedingung festgelegt, aber doch implizit in die Argumentation eingebettet ist“, doch so etwas wie die etwas andere „Vermittlung amerikanischer Lyrik nach Deutschland“ zu ihrem Kerngeschäft erhoben – „besonders im Fall von Brinkmanns subversivem Dichtungsprogramm“ – und dadurch ihre Publikationen „als Repräsentation von Saids Forderung nach Hybridisierung und dem Austausch verschiedener Kulturen gewertet werden, wobei aber auch die identitätsstiftende Funktion der Lyrik für die ideologische Basis der jeweils eigenen Kultur nicht vergessen werden darf.“
Denn, wie Mueller in ihrem, neben Julius Müllers , einem m. E. der besten wissenschaftlichen Essays der letzten Jahre postuliert, sind „Saids Theoreme“ in diesem Fall „zur Beschreibung des Verhältnisses der USA zur BRD seit 1945 [nicht nur für die hier debattierte Buchmessenfrage] erkenntnisfördernd“: „Saids Begriff von (literarischer) Kultur als einer identitätsstiftenden kulturellen Äußerung kann durchaus auf die amerikanische Lyrik angewendet werden, wobei [eben explizit] beachtet werden muß, daß die Brinkmann vermittelten Dichter der Beat-Generation und der New York School nicht einer etablierten oder dominanten amerikanischen Kultur, die ideologisch in der Nähe der US-Regierung steht oder durch traditionelle Verbreitungsformen unterstützt wird, sondern einer Subkultur angehören, die ihre Identität aus ihrer Existenz im politischen und kommerziellen Underground bezieht. (vgl. auch: Track 42 auf Audio-Comp. zu Ullmaiers Popbuch) (…) Brinkmann vermittelt[e] also den Teil der amerikanischen Lyrik nach Westdeutschland, der in den USA einer Kultur des Protestes, des Subversiven angehört[e] und der sich die Ablehnung etablierter und dominanter Kultur und Politik zum Gegenstand macht[e]. So kann Brinkmanns Vermittlung selbst als Repräsentation einer komplexen kulturellen Situation beschrieben werden, indem er nicht einfach die amerikanische Lyrik und damit die US-Kultur affirmativ assimiliert, sondern sich in seiner Aneignung der amerikanischen Kultur gerade diejenigen Aspekte kultureller Produktion aussucht, die zu Amerikas Imperialismusbestrebungen im Widerspruch stehen. Brinkmanns Vermittlung amerikanischer Lyrik kann damit im postkolonialen Diskurs als Wechselspiel zwischen Assimilation und Opposition, als Konsequenz des [] Momentes und als Ausdruck einer im Sinne Bhabhas gelesen werden.“ (Mueller, 2001:75-76, 80)
Aber die Zeiten, in denen RD/RR-Typen wirklich in die Buchmesse stürmen um die Kulturindustrie in die Hände zu nehmen und um „Enteignet Springer!“ und „Öffentlichkeit muss werden, es sie nicht mehr.“ bei Teach- oder Sit-ins zu skandieren (Füssel, 1999:89-114; vgl. auch: Tracks 14-16 auf Audio-Comp. zu Ullmaiers Popbuch), sind vorbei – und müssen auch nicht unbedingt wieder kommen.

04 Indie-Filme

Am Wochenende, genauer Samstag, kamen drei Filme über und mit Indianern: Der mit dem Wolf tanzt, USA 1990, Kabel Eins, 20.15 und Windtalkers, USA 2002, ARD, 23:25, parallel dazu lief auch zur Feier des 70sten Geburtstages Burt Reynolds Kopfgeld: Ein Dollar, Italien/Spanien 1966, MDR, 0:30..
Tagsdrauf wurde am Vormittag das Spiegel-TV-Spezial Die letzte Feindfahrt – das rätselhafte Schicksal von U-869 gesehen, was auch hätte schon am Vortag gesehen werden können, da die Erstaufführung zeitgleich mit dem Costner-Klassiker endete. So wurde dies auf Sonntag verschoben und die U-Boot-Dramatik hätte am Abend gar noch ein filmisches Ende finden können, hätte ich einen Fernseher um auf Knopfdruck mit dem Im Fahrwasser des Todes, USA 1996, VOX, 20:15 auf die Mattscheibe zu holen.
Da ich nie Filmfestivalkurator sein werde, muss ich mir auch keine Gedanken darüber machen, wie das Programm konzipiert werden müsste und welche Branchen- und Vortragsgäste eingeladen werden sollten, wenn das Schwerpunktthema lauten würde. Um aber nicht weiter im Konjunktiv zu parlieren, werde ich jetzt ganz praktisch noch zwei weitere Filme nennen, die auf keinen Fall fehlen sollten, wenn das Schwerpunktthema wäre: Winnetou-Filme (die andere Form des europäischen, eben dem Italo-Western), A Man Called Horse, Thunderheart (Noir im Indianerreservat) oder Geronimo (natürlich das unter der Regie von „Last Man Standing“-Walter Hill).
Ob solche Themen zum US-Kino gehören, dass ist keine Frage, denn wie sagte schon die indianisch-amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich über ihre Arbeit: „Die Trennung zwischen 'native writers' und 'american writers' finde ich akademisch. Das tut man nur, um ein Kursprogramm auf die Beine zu stellen. Ich bin eine Mischung und nur deshalb verfüge ich über diese künstlerische Wahrhaftigkeit und Prägnanz, all die verschiedenen Charaktere darzustellen. Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine bestimmte Art zu schreiben. Ich denke mir so etwas nicht aus. Diese Geschichten gibt es irgendwo. Ich höre nur zu. Früher nahm ich an, wenn ich mich zum Schreiben hinsetzte, würden meine Charaktere schon pünktlich antreten, aber das stimmt einfach nicht mehr. Ich habe eine Menge Kindheitserfahrungen aufgebraucht. – Seit ich Kinder habe, verstehe ich manche Dinge anders, etwa den Wechsel von der Kindheit zum Erwachsenenalter. Ich mache mir keine Sorgen, wenn meine Töchter meine Bücher lesen, aber wegen meines Vaters habe ich Bedenken, weil es sich häufig um Sex dreht. Ich überklebe die Buchseiten, die er nicht lesen soll, das ist wie eine rituelle Vermeidung bei Eingeborenenfamilien. – Hätte ich mich jemals darum gekümmert, was andere Leute mir rieten oder von mir wollten, hätte ich gar nichts geschrieben.“ Diese Einstellung klingt doch ziemlich US-amerikanisch, oder?

Tina Vlenn

PSP (PostScriptumPrivatum-Schrägstrich-PlayStationPortable): Marshall McLuhan: The Mechanical Bride. Folklore of Industrial Man. New York 1951. (dt.: Die mechanische Braut. Volkskultur des industriellen Menschen. Amsterdam 1996.)

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